die Kinder vom Bofrost-Mann

  
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Mein linkes Knie sieht sehr, sehr ähnlich aus:

Herr Mütze, schön. Und schön, dass es geklappt hat.

Ja sicher.

Sie waren kürzlich in einem Moor tätig, ist das richtig?

Das habe ich ihnen doch eben schon erzählt! Ja. Erhalt und Pflege eines Moores in Hessen. Mit dem Bergwaldprojekt. Klingt schlimm, aber so heißt der Verein. In einer Jugendherberge teilte ich mir das Zimmer mit drei erwachsenen Männern. Niemand möchte sich das Zimmer mit erwachsenen Männern teilen! Sie sind groß oder dick, an den falschen Stellen haarig und haben Probleme.

Wie sind sie damit umgegangen?

Fenster auf. Der eine wollte zuerst nicht. Zu kalt. Dem anderen war es egal. Der dritte war nicht da. Aber nachdem wir zwei Tage hintereinander mit geschwollenen Lymphknoten aufwachten, ging das Fenster fast von selbst auf. Einer der drei war Energieberater, den fragte ich, ob er eine Idee hätte, wer von den anderen hier nachts den Sauerstoff wegatmet, aber sein Dialekt aus Hessen, Saarland oder Bayern war überhaupt nicht zu verstehen. Ich gehe doch nicht in ein Zimmer mit drei anderen Männern, oder überhaupt mit Menschen, um mich dann unverständlich auszudrücken!

Sie nuscheln aber auch gerne mal, Herr Mütze!

Ist das so?

Wie bitte?

Sehr witzig.

Was haben Sie denn im Moor gemacht, Herr Mütze?

Das Moor wiedervernässt. Wir haben Stauwerke aus Holzbohlen gebaut, in die ehemaligen Entwässerunggräben eingesetzt und mit Holzhackschnitzeln verfüllt. Zum Schluss die Fläche mit Torfmoos geimpft.

Gegen die Grippe?

Was ist denn bei Ihnen heute los? Natürlich nicht gegen die Grippe. Nein. Aus dem Torfmoos soll Moostorf werden, sie Koralle. Deshalb, und das sage ich nun in einfachem Deutsch, deshalb tut man Moos da drauf, damit das Moos zu Torf wird. Torf bindet CO2 und Methan. Davon haben Sie sicher schon mal gehört. Ich bin's, Christoph mit dem grünen Pullover, aus der Sendung mit der Maus.

Ja?

Wissen Sie warum Moabit in Berlin Moabit heißt?

Nein.

Weil es mal ein, Achtung, Moorjebiet gewesen ist. Das hat mir eine der Veganerinnen erzählt. Augenringe wie ein Jahr alleinerziehend nach der Entbindung von Drillingen, aber sowas weiß die dann. In diesem Jahr möchte sie zusätzlich den Konsum von Kohlenhydraten reduzieren. Ich empfahl ihr die Erdnussdiät. Hochwertige Nährstoffe im eigenen Saitling. Das sag ich ihr so, und dann lacht sie nicht einmal. Veganer sind völlig desillusioniert. Life is pain. Die ideale Besetzung, um bei Amazon oder Zalando die Retouren in den Müll zu sortieren.

Die werden sortiert? Das erscheint mir sehr zynisch. Was gab es denn auf diesem Mittelaltermarkt des Umweltschutzes noch für Charaktere?

Da gab es noch B12, der seit Jahren durch Europa wandert, aber immer linksherum, wie die Joghurtkulturen. Zuletzt war er im Siebengebirge, wo er von Rübezahl eine Zwillingsflöte geschenkt bekam. An einem der Abende spielte er darauf etwas vor. 2 Flöten, 1 Harmonie. Auch Halo von Beyonce. Den Text kenne ich auswendig. Remember those walls I built, oh baby they are tumbling down...Everywhere I'm looking now, I'm surrounded by your embrace, Baby, I can see your halo - halo halo halo.

Am Telefon hatten Sie auch etwas von einer Agate erzählt, Baby.

Ja, richtig, jetzt vergesse ich sie ja schon fast selbst. Dabei bin ich der einzige, der sich noch an sie erinnert. Am ersten Tag guckte Agate viel zu. Am zweiten Tag schlurfte sie den ganzen Arbeitstag ums Lagerfeuer und legte kleine Äste hinein. Am dritten Tag versuchte sie zum Mittagessen Brot zu schneiden, aber schaffte es nicht. »Ist das ein frisches Brot?«, fragte sie und bekam die Antwort »von gestern«. Sie kam einfach nicht durch. Keine Spürung. Noch am Abend reiste sie ab. Wenn man der die Pommes durchschneidet, dann weint sie wie ein kleines Kind.

Was ist das denn? Pommes durchschneiden?

Das ist ja noch harmlos. Die Kinder vom Bofrost-Mann - sie wissen, was ich meine - erkennt man angeblich daran, dass sie alles, was man mit den Fingern essen kann, Pommes nennen. Pommes, Pommes, Pommes. Die gab es beim Bergwaldprojekt natürlich nicht. Dafür vegane Crème brûlée.

Apropos. Das italienische Restaurant, das ich letzten Herbst bei Google Maps eintrug, La Scala, hat inzwischen 38 Bewertungen und kommt auf eine 4,2. Irre. Alle Bewertungen in einem Satz zusammengefasst: Weil wir schon seit 70 Jahren in diesem heruntergekommenen Laden gute Pizza essen, während wir von der Bedienung beschimpft werden, geben wir 4,2 von 5 Punkten!

Herr Mütze, was ich daraus lese ist: Gefühle sind kompliziert. Auch in einem italienischen Restaurant. Was fühlen sie zu diesen Bewertungen?

Ich bin überrascht, enttäuscht. Auch fasziniert, was das Geheimnis ist, trotz allem so gut bewertet zu werden. Ein echtes Rätsel für mich, das ich gespannt weiter verfolge. Wahrscheinlich ist die Bedienung frustriert, dass es trotzdem so gut läuft. Sie verachtet sich selbst für ihren Erfolg, ihre Pizza, ihr Restaurant. Wenn ich ganz tief in mich hineinhorche, so als würde man einen kleinen Stein in einen tiefen Brunnen werfen, dann

Ja?

Dann ist es doch auch interessant, beschimpft zu werden. Emotionale Kommunikation und das vielleicht sogar von Männern. Ich wurde in einem beruflichen Termin einmal gefragt: Wer sind sie eigentlich und was wollen sie hier?!

Und?

Was, und? Ich bin Christoph mit dem grünen Pullover, sie Koralle!

Most people ignore poetry because poetry ignores most people

A world of dew,

And within every dewdrop

A world of struggle.

Kobayashi Issa

Hörbert

Der Ipod für Kinder. Und Demenzkranke. Aus massiver Buche mit einem Gewicht von nur 6 Kilogramm. Mit Hörbert haben auch Kinder endlich die Möglichkeit, nachzuempfinden, wie es ist, eine Waschmaschine durch die Wohnung zu tragen. M, der unter uns wohnt und diesen Newsletter ohne Dunstabzugshaube mitliest, beschwerte sich schon, dass in seiner Wohnung der Putz von der Decke bricht, wenn uns der Hörbert mal wieder ärgerlicherweise vom Regal fällt. Hätte M eine Dunstabzugshaube, könnte er mit dieser die Putzpartikel aus der Raumluft saugen. So muss er leider atmen, atmen, atmen.

Der irre Preis von 239 Euro (die Großeltern gaben etwas dazu) garantiert soziale Distinktion ohne sonstige Vorteile gegenüber billigen Plastikartikeln aus China. Achso, natürlich, der Name ist so ulkig, wir müssen manchmal schmunzeln. Manchmal bis überhaupt gar nicht noch nie! Doppeltes Ausrufezeichen. Der Name ist so unlustig, noch schlechter wäre einzig Ohrbert oder Gehörgang wie Wolfgang. Die Zwillingslösung: Der eine bekommt einen Hörbert, der andere einen Gehörgang. Ich raste aus! Um die Anschaffung eines Gehörgangs für die jüngere Tochter zu verhindern, konnte ich der älteren Tochter zumindest schon den dunkelblauen Hörbert-Knopf für die Schwester abverhandeln. Naja. Danke Merkel.

Und wie geht’s den Pferden?

Meter

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